M. Karagatsis – Oberst Ljapkin

Oberst Ljapkin

Oberst Ljapkin – ein russischer in Griechenland, von M. Karagatsis

Inhaltsangabe – Oberst Ljapkin

Griechenland in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts: Karl Vogel ist der Aufseher der Zuchthengststation einer Landwirtschaftsschule, die etwa fünf Kilometer von der Provinzhauptstadt Larissa auf dem griechischen Festland in Thessalien entfernt liegt. Der gebürtige Österreicher und Neu-Grieche erliegt einem Herzinfarkt. Und seine Stelle übernimmt schließlich der russische Immigrant Graf David Borissitsch Ljapkin. So beginnt der Roman „Oberst Ljapkin. Ein russischer Flüchtling in Griechenland“ aus der Feder des Schriftstellers M. Karagatsis (1908–1960), der als einer der prägenden Autoren der griechischen Literaturgeschichte im 20. Jahrhundert gilt. Es ist der erste Roman von M. Karagatsis, der das Buch als 25-Jähriger schrieb. Im Jahr 1933 wurde es veröffentlicht und es machte den jungen Autor schlagartig bekannt, weil es Karagatsis meisterlich gelang, eine Migrantengeschichte mit der sich turbulent und tragisch entwickelnden europäischen Geschichte jener Zeit zu verbinden. Dieser historisch bedeutsame Roman erscheint im Oktober 2016 erstmals in deutscher Übersetzung im Verlag der Griechenland Zeitung.

Der neue Aufseher Ljapkin, der als Adeliger vor den Kommunisten der Russischen Revolution nach Griechenland geflohen ist, gibt ein auffälliges Bild in der griechischen Provinz ab. M. Karagatsis beschreibt ihn zu Beginn des Romans mit prägnanten Worten: „ER WAR EIN MANN von ungefähr fünfzig Jahren, ein Koloss, fast zwei Meter groß. Breite Schultern, riesige Füße und Hände, harmonische Proportionen – kein Gramm Fett zu viel. Er war blond, und seine Haut war rosig, sie hatte noch nicht die sengende Sonne des griechischen Himmels verspürt. Er erschien in der Schule in der arg mitgenommenen Uniform eines Obersten der einstigen Zarenarmee. Ein jämmerlicher Koffer hing an seiner furchtbaren Pranke. Beim Betreten des Büros des Direktors nahm er Haltung an, schlug die Sporen zusammen, grüßte militärisch und stellte sich vor: ,Comte David Borissitch Ljapkine, ex-colonel de reserve de l’Armée Russe, ex-propriétaire foncier!‘“

Ljapkin und andere russische Immigranten – Offiziere, Adelige, Prinzen – spielen eine zentrale Rolle in diesem Roman, der zu ergründen sucht, wie sich die Russen an die ungewohnten Lebensbedingungen ihrer neuen Heimat anzupassen versuchen. Dabei wird bereits ein Merkmal des jungen Autors deutlich, das er in späteren Romanen wie „Das gelbe Dossier“ zur Meisterhaftigkeit treiben wird: die psychologische Auslotung der Charaktere in Bezug auf ihr nahes Lebensumfeld und in Bezug auf die weitere historische und politische Tragweite jener Zeit, in der sich das Auseinanderdriften und die spätere Spaltung Europas ankündigen. Landwirtschaftsschulen spielen zu jener Zeit eine wichtige Rolle für die griechische Gesellschaft. Hier finden viele Neuankömmlinge Arbeit und Anschluss an das griechische Leben. Und so treffen dort auch unterschiedliche politische Ideen aufeinander – konservative, welche die alte europäische Ordnung des 19. Jahrhunderts bewahren wollen, und neue in Form des Sozialismus, der seit der Oktoberrevolution seinen Siegeszug durch Europa beginnt und der gerade auf junge Menschen eine große Faszination ausübt. So auch auf den jungen Autor M. Karagatsis, für den „Oberst Ljapkin“ auch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Sozialismus darstellt.

Dieser packende, poetisch souverän erzählte, die Literatur Griechenlands bis heute prägende Roman kann nun endlich erstmals auch im deutschsprachigen Raum entdeckt werden. – Nein, er muss sogar entdeckt werden, da er einen wichtigen Teil der griechischen Historie im Rahmen der weiteren europäischen Geschichte besser erfahrbar macht. Damit stellt er ein wichtiges Puzzlestück europäischer Identität dar.
(Quelle: Literaturtest/vwh)

Bibliografie – Oberst Ljapkin

Verlag der Griechenland Zeitung
Hellasproducts GmbH
Athen
2016
Hardcover
ISBN: 978-3-99021-017-8
248 Seiten

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